Zum Jahresbeginn über Rituale

Zum Jahresbeginn über Rituale

Jeder Mensch hat Rituale. Eins meiner liebsten Rituale gönne ich mir jedes Jahr um Silvester herum: Es ist der Besuch des legendären Berlin-Musicals „Linie 1“ im GRIPS Theater am Hansaplatz.

1986 feierte das Musical Premiere, 1987 sah ich es als Teeni und regelmäßige GRIPS-Gängerin zum ersten Mal. Das war gar nicht so einfach, denn alle wollten „Linie 1“ sehen, und man musste sich zum Monatsbeginn an einem Sonntagvormittag in einer langen Schlange nach Karten anstellen, und pro Person gab es maximal zwei Karten.

Seither habe ich das Musical mindestens einmal jährlich gesehen. Hinzu kommen Sonderbesuche wie zum 30-jährigen Stückjubiläum im April 2016 oder als koreanisches Gastspiel zum 50. Geburtstag des GRIPS‘ im Juni 2019. Weitere 20 Male sah ich „Linie“, wie das Stück damals im Insider-Jargon verkürzt genannt wurde, als ich 1994 meine Magisterarbeit am GRIPS Theater machte und monatelang jeden Abend den unterschiedlichen GRIPS-Vorstellungen beiwohnte, weil ich eine Publikumsbefragung durchführte.

Es kommen also rund 50 Besuche der „Linie 1“ zusammen. Da mag man sich fragen, ob es da überhaupt noch etwas Neues zu entdecken gibt, ob man das Stück nicht inzwischen auswendig kennt und ob es nicht langsam langweilig wird.

  1. Ja!
  2. Klar!
  3. Nein!
  1. Ein Theaterstück ist ja kein Film. Also ist jede Vorstellung ein bisschen anders – wenngleich nicht so extrem und nicht so unabsichtlich anders wie die jährlichen drei Vorführungen der Schattenlichter … Auch gibt es in jedem Jahr ein oder zwei neue Besetzungen, denn nicht jeder Schauspieler hat einen so langen Atem wie Dietrich Lehmann, der seit 1986 ausnahmslos jede Vorführung gespielt hat. Und nicht jede Rolle bietet sich dafür an, über 34 Jahre nicht umbesetzt zu werden. Ich stelle mir nur vor, was wäre, wenn immer noch Petra Zieser ein kicherndes pubertierendes Schulmädchen oder Ilona Schulz eine picklige Schulabbrecherin spielen würde … Jedes Mal macht es Spaß, die Aufführungen zu vergleichen, Textänderungen aufzuspüren und kleine Improvisationen zu entdecken, die den Erstbesuchern verborgen bleiben. Nicht zuletzt hat sich die „Linie 1“ über die Jahrzehnte verändert: Anfangs versuchte GRIPS-Chef und -Autor Volker Ludwig, aktuelle Veränderungen in das Stück einzubauen: erhöhte Entgelte beim Schwarzfahren, veränderte Linienführungen der U 1, den Fall der Mauer – da zogen die Möwen plötzlich nicht mehr über die Mauer, sondern über die Spree -, neue Politiker und neue Währungen. Schließlich wurde es zu paradox, und das GRIPS ging zurück auf Null bzw. auf den Anfang des Musicals: „West-Berlin 1986“ wird nun immer zu Stückbeginn auf die Bühne projiziert, und dann ersteht auf der Bühne das West-Berlin meiner Jugend auf. Da das GRIPS mit der Zeit geht, gibt es auch organisatorische Neuerungen: Es begann mit der Kartenreservierung übers Internet, ging weiter mit der Installation englischsprachiger Übertitel und gipfelte darin, dass ich heute erstmals mit „Print at home“-Eintrittskarten ins Theater gekommen bin, statt die Karten spätestens am Vortag persönlich abzuholen. Heute war für mich neu, dass das regelmäßig neu besetzte Wessi-Mädchen rothaarig war und in der Schlussszene erstmals seit 1986 nicht mehr rückwärts gehen muss. Neu war der Schlagzeuger in der ansonsten sehr treuen Band „No Ticket“; die anderen Musiker werden immer besser und verändern sich im Laufe der Jahre nur peu à peu: Lange blonde Locken sind auf der Strecke geblieben, und eine halbe Brille ist hinzugekommen …
  2. Wenn eine Schauspielerin krank wird, kann mich das GRIPS gerne fragen, ob ich einspringe. Vermutlich bin ich dann aber bei den Schattenlichtern so stark ehrenamtlich eingebunden, dass ich ablehnen muss – eine faule Ausrede, weil ich niemandem meinen Gesang zumuten möchte. Den überlasse ich lieber Supertalenten wie Patrick Cieslik, der als Bambi mindestens so cool ist wie die Premierenbesetzung Dieter Landuris und der „Fahr mal wieder U-Bahn“ mindestens so gut singt wie Thomas Ahrens. Einfach toll! Möge Patrick Cieslik mindestens so viele Jahre am GRIPS Theater bleiben wie Dietrich Lehmann!
  3. Wird Euch etwa langweilig, wenn Ihr Eure Lieblingsmusik immer wieder auflegt? Nein? Dann versteht Ihr auch, warum es nicht langweilig ist, „Linie 1“ 50-mal zu sehen. – Spannend sind auch Details wie die Frage, ob man es schaffen wird, einen der Zettel zu ergattern, die der verrückte Weltverbesserer im Publikum verteilt. Heute hat’s geklappt!

Abgesehen davon habe ich leider viele Vorstellungen verpasst und nur einen Bruchteil gesehen. Heute war die 1.924. Vorstellung von „Linie 1“. Was sind da schon 50 Male? Gerade mal jeder 20. „Linie“ habe ich beigewohnt …

Zum Ritual gehört nicht nur der Theaterbesuch an sich. Es sind viele Details, die dazugehören – wie die obligatorische Anreise mit der U-Bahn, das Anstehen vor der linken Saaltür 30 Minuten vor Einlass (die schweißtreibende Einlasssituation ist mit der bei den Schattenlichtern vergleichbar), das Erobern von Plätzen in Reihe 2 (Reihe 1 hat keine Rückenlehne) und der Besuch des Spätis am Hansaplatz in der Pause. Als „Linie 1“-Junkie weiß man einfach alles, sogar welche der vier Klotüren klemmt und daher gemieden werden sollte.

Der Theater-Tipp der Schattenlichter? Hingehen, ganz klar! Zum Beispiel am 3. oder 4. Januar oder zwischen dem 31. Januar und dem 4. Februar 2020! Viel Spaß!

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Autor: Elke Brumm

Elke Brumm ist das dienstälteste Schattenlicht. Bei der allerersten Aufführung im Weihnachtsgottesdienst 1985 in der Pauluskirche war sie noch Zuschauerin, aber schon beim zweiten Stück war sie aktiv dabei - und ist es bis heute geblieben. Neben den spielerischen Aktivitäten ist Elke Brumm das organisatorische Rückgrat der Schattenlichter; die studierte Theaterwissenschaftlerin und Germanistin (FU Berlin) macht für die Schattenlichter auch die Pressearbeit und die Programmhefte. Seit 2015 schreibt sie ungefähr einmal monatlich einen Theater-Tipp für den Freundeskreis der Schattenlichter, denn da die Schattenlichter immer nur im Februar spielen, muss man schließlich auch im restlichen Jahr wissen, wo man kurzweilige und inspirierende Theaterabende verbringen kann.

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