Von Monsieur Claude zu Monsieur Pierre

Und wieder einmal erleben die Schattenlichter einen Theaterabend, der unter dem Motto stand: Erfolgreiche Filmvorlage -> erfolgreiches Theaterstück.

Und wieder einmal war die Komödie am Kurfürstendamm – derzeit im Schiller-Theater – der Schauplatz dieses Erfolgsrezepts. Stück und Film: „Monsieur Pierre geht online„.

Nebenbei bemerkt, führte es zu leichten Verwirrungen im Schattenlichter-Kalender, dass wir gestern bei „Monsieur Claude“ und heute bei „Monsieur Pierre“ waren … Französische Komödie ist eben an sich schon ein Erfolgsrezept.

Im Mittelpunkt von Film und Schauspiel steht der Rentner Pierre, der seit dem Tod seiner Frau den Lebensmut verloren hat. Seine umtriebige Tochter mit Haaren auf den Zähnen und mit großer Organisationslust – für mich eine Traumrolle – besorgt ihm einen Computer und einen Computerlehrer. Der Lehrer ist eher zufällig der nichtsnutzige Freund von Pierres Enkelin; dieser Zusammenhang wird Pierre aber verschwiegen, weil die Mutter für die neue Beziehung ihrer Tochter keine Zukunft sieht.

Schon diese Heimlichtuerei führt zu einigen witzigen Verwirrungen. Aber richtig in Fahrt kommt die Komödie, als Pierre nicht nur verstanden hat, dass man auch am PC ein Fenster öffnen und einen Papierkorb benutzen kann, sondern als er sich auf eine Online-Dating-Seite begibt. Er nimmt Kontakt zu hübschen jungen Frauen auf, verwendet aber ein Foto seines 40 Jahre jüngeren Computerlehrers.

Es kommt, wie es kommen muss: Pierre findet eine Seelenverwandte, und sie möchte sich treffen. Da Pierre ja anders aussieht als auf dem Foto, schickt er den Freund der Enkelin zu dem Rendezvous. Nicht unproblematisch, da dieser nicht dieselben Fremdsprachen spricht wie Pierre und ja selbst gebunden ist. Und mehr sollte wirklich nicht verraten werden!

Alle fünf Schauspielerinnen und Schauspieler spielen ihre Rollen konsequent und – im Rahmen einer Komödie – durchaus glaubwürdig: Schön knurrig ist der Alte (Walter Plate), ziellos der Junge (Jochen Schropp), herzlich und erfrischend die Internetbekanntschaft (Vanessa Rottenburg), übermotiviert die Mutter (Manon Straché) und egozentrisch die Tochter (Magdalena Steinlein).

Das Bühnenbild arbeitet zum Thema passend mit großen Übertragungen des Bildschirms, beispielsweise witzigen Skype-Szenen. Damit diese Bilder die gesamte Bühne überspannen können, sind die Möbel in Weiß gehalten. Schlau – aber originelle und praktische Bühnenbilder sind ja ohnehin eine Spezialität der Kudamm-Komödie!

Das Fazit der Schattenlichter: Auch diesen Monsieur sollte man ansehen! Bis zum 21. April läuft er quasi täglich. Und da das Schiller-Theater riesig ist, gibt es auch noch genügend Karten für alle Leserinnen und Leser dieses Theater-Tipps.


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Theater und Kino in direkter Nachbarschaft

Wer unserem Theater-Tipp vom 23. Dezember 2018 gefolgt ist und im Steglitzer Schlosspark-Theater bei „Monsieur Claude und seine Töchter“ ebenso viel Spaß hatte wie wir, dem empfehlen die Schattenlichter, zeitnah direkt neben dem Schlosspark-Theater ins Adria-Kino zu gehen: Dort läuft seit gestern „Monsieur Claude 2 – Immer für eine Überraschung gut“.

Man könnte befürchten, dass Teil 2 nur ein billiges Remake von Teil 1 wäre, aber im Gegenteil: Wir fanden Teil 2 sogar noch besser. Es ist einfach unglaublich, was sich Drehbuchautor und Regisseur Philippe de Chauveron alles einfallen lässt, um das Unglück des spießbürgerlichen Ehepaars Verneuil noch zu verschlimmern.

Zweifelsohne ist der Film eine Komödie, aber gemessen an der großen Zahl von Hauptdarstellern – zwei Eltern, vier Töchter, vier Schwiegersöhne mit Wurzeln aus aller Herren Länder -, haben die Rollen unerwartet viel Tiefgang und Charme. Und das Spiel mit Klischees und Nationalstolz macht Spaß; sowas können die Franzosen naturgemäß viel besser als wir Deutschen.

Die Schattenlichter empfehlen: Hingehen!

Das Schlosspark-Theater zeigt „Monsieur Claude und seine Töchter“ wieder vom 13. bis zum 15. April.

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Theater im Hotel

„Menschen im Hotel“ ist der programmatische Titel eines Theaterstücks, das fünf Schattenlichter heute Abend in der Vaganten Bühne sahen – oder besser gesagt, sich erliefen. Denn bei diesem Stück sitzen die Zuschauer nicht passiv in ihren Theatersesseln, sondern sie bewegen sich im benachbarten Savoy Hotel von Etage zu Etage und von Zimmer zu Zimmer, um vier verschiedene Szenen an vier verschiedenen Orten zu erleben. Bis in die sechste Etage hinauf ging es, mit hervorragendem Blick auf die westliche Berliner Innenstadt.

Ein tolles Konzept! Wir sind schon am Überlegen, wie sich das auf die Schattenlichter übertragen ließe: Publikumsbewegung zwischen Großem Saal, Dorfkirche, Kulissenstellraum und Gemeindegarten? Ein Hotel im Berliner Zentrum ist natürlich mondäner!

Die Romanvorlage „Menschen im Hotel“ schrieb Vicki Baum vor fast 100 Jahren, nach eingehender Recherche als Zimmermädchen in luxuriösen Hotels. Die Handlung: Eine Handvoll Menschen trifft in einem Berliner Grand Hotel aufeinander. Ihre ganz unterschiedlichen Schicksale rund um Geschäfte, Liebe, Krankheit, Burnout und Armut verweben sich miteinander. Nicht nur spielerisch ist das Stück gut gelungen, auch logistisch ist es eine Meisterleistung, wir die Zuschauer an den echten Hotelgästen vorbei durchs Haus dirigiert werden und die Schauspieler zur richtigen Zeit im richtigen Zimmer sind.

Der von den Vaganten gewählte Schauplatz ist perfekt: Das Savoy entstand zeitgleich mit dem Roman, und die Schauplätze der Handlung – Theater des Westens und Kantstraße – befinden sich direkt vor der Tür. Stark!

A propos Historie: Die Schattenlichter gehen auf ein 35-jähriges Bestehen zu. Genau doppelt so alt ist die Vaganten Bühne: Vor 70 Jahren von Horst Behrend gegründet, hatte das Theater zuerst keine feste Spielstätte. Mitte der 50er-Jahre bezogen die Vaganten ihr Domizil am Theater des Westens, wo sie bis heute aktiv sind – wenn sie nicht gerade im Savoy Hotel spielen …

In 70 Jahren haben die Vaganten 500 Inszenierungen gezeigt – mit mehr als 1.500 Darstellern. Der heutige Leiter, Jens-Peter Behrend, ist der Sohn des Gründers.

Die Schattenlichter gratulieren – und empfehlen einen Besuch bei den Vaganten. „Menschen im Hotel“ wird wieder an den Sonntagen 31.3., 7.4. und 28.4. gezeigt. Online gibt es keine Karten mehr, aber an der Abendkasse sollte es klappen: Tel. 030 3131207.

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Ein beachtliches 30-jähriges Stückjubiläum

Au Mann! Wenn ein Theaterstück 30-jähriges Jubiläum feiert und man sich erinnert, bei der Premiere nicht etwa ein Kleinkind, sondern bereits eine Abiturientin gewesen zu sein, dann führt einem das brutal vor Augen, wie die Zeit vergeht. So erging es mir gestern Abend im GRIPS Theater, wo ich mit vier Schattenlichtern das – wie ich immer sage – wichtigste Stück des GRIPS Theaters ansehen wollte: „Ab heute heißt du Sara“.

Schon als Menschen mit Blumensträußen und Fotoapparaten durchs Theaterfoyer liefen und Theaterleiter Philipp Harpain zu Stückbeginn auf die Bühne trat, war klar: Irgendwas ist heute besonders. Das Stück – die szenische Aufarbeitung der Lebensgeschichte von Inge Deutschkron, Berliner Jüdin im Nationalsozialismus, – hat sich also schon 30 Jahre lang gehalten. Das ist gut, denn die Auseinandersetzung mit der Nazizeit ist ja bekanntlich sehr wichtig, und gerade Schulklassen dazu zu bringen, sich auch emotional in diese unschöne Zeit hineinzuversetzen, ist eine große Leistung. Noch besser ist es, dass sich einige Schulen im Vorfeld intensiv mit dem Stück und seiner Epoche befasst haben; hierfür gab es Blumen von der Senatsschulverwaltung für eine besonders engagierte Lehrerin und GRIPS-Theaterkarten für die engagierten Schulklassen. Auch das GRIPS bekam einen Blumenstrauß – gewissermaßen auch stellvertretend für Inge Deutschkron, die Deutschland zwar in den 1960er-Jahren – von der Allgegenwart von Altnazis in wichtigen Ämtern frustriert – verlassen hatte, aber Ende der 1980er für „Ab heute heißt du Sara“ wieder nach Berlin kam und sich hier seitdem als Zeitzeugin engagiert.

Wie es GRIPS-Gründer Volker Ludwig 1989 geschafft hat, aus Inge Deutschkrons Autobiografie 33 einprägsame, anrührende und immer wieder auch lustige Theaterszenen zu machen, die von Detlef Michel die passende musikalische Untermalung bekamen, hat mich schon 1989 als Schülerin begeistert. Die Zeitschrift „Theater heute“ war so angetan, dass sie das komplette Stück in einer Ausgabe von „Theater heute“ abdruckte. Ich sehe das Stück etwa alle zwei Jahre wieder und mische mich mit verschiedenen Begleitern unter die zahlreichen Schulklassen. Nach wie vor gilt: Keinen lässt die Inszenierung kalt, und auch die mit Chipstüten raschelnden Schüler verstehen die Botschaft. Gestern zum Beispiel flüsterte es hinter mir: „Die alte Frau tut mir total leid!,“, und die Antwort war: „Ich heul auch gleich.“ Genauso konnte aber auch herzhaft gelacht werden – beispielsweise, wenn die Möbelhändler, die das Hab und Gut der Familie Deutschkron für dünne Münze aufkaufen, ihren „Händlersong“ vortragen und dabei mit Stühlen artistischen Choreografien folgen.

In einem gutsortierten Haushalt findet sich alles an, so auch das Textbuch von 1989. Die darin enthaltenen Fotos sorgten bei mir nach dem Theaterbesuch noch für einen heiteren Abend zu Hause: Vom Anfangsensemble sind auch nach 30 Jahren Dietrich Lehmann und Thomas Ahrens in heutigen „Sara“-Ensemble. Während die Inge-Darstellerin jung geblieben ist – sie muss zu Stückbeginn 1933 elf Jahre alt sein und zum Kriegsende Anfang 20, sodass sie im Lauf der Jahre von immer neuen Schauspielerinnen verkörpert werden musste -, ist ihr Bürokollege Werner – Thomas Ahrens – inzwischen einfach mal 30 Jahre älter geworden. Gleiches gilt für Dietrich Lehmann als Otto Weidt, den Leiter der Blindenwerkstatt, der zahllosen Jugend in der Nazizeit geholfen hat. Aber ob 30, 60 oder 90 Jahre alt – der Typus muss stimmen, und das haben die GRIPS-Profis voll drauf. Wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich nach jedem Theaterbesuch Unmengen von Blumensträußen für das gesamte Ensemble auf die Bühne werfen.

Auch wenn es gestern ausverkauft wirkte, gibt es für heute und morgen, 7. und 8. März, offenbar noch Karten für die „Sara“-Vorstellungen um 18 Uhr. Die Schattenlichter empfehlen: Hingehen, hingehen, hingehen! Und eine kleine Botschaft ans GRIPS: Die Orte und Daten der einzelnen Szenen waren früher sehr viel besser lesbar!

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Alle Wege führen nach Zehlendorf

Berlinale, drei Generationen Thalbach oder Berliner Käsetage? Weit gefehlt: Im Februar empfehlen die Schattenlichter nur eins: die Aufführungen der Schattenlichter!

In der kommenden Woche am Donnerstag, Freitag und Samstag ist es soweit: Dann zeigen wir unser diesjähriges Stück „Richtfest“. Die Proben laufen auf Hochtouren, damit wir Euch Lutz Hübners Theaterstück optional präsentieren können.

Die Aufführungen am 21. und 22. Februar beginnen um 19:30 Uhr, am 23. Februar um 18 Uhr. Karten gibt es an der Abendkasse 20 Minuten vor Stückbeginn.

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Von Castorf erschlagen

Heute Abend wollte niemand den Theater-Tipp schreiben: Drei von uns sind nach zweieinhalb Stunden in der Pause gegangen, drei andere haben nach vier Stunden aufgegeben, und nur einer sitzt immer noch in der Vorstellung. Ihr ahnt schon, worum es geht? Genau, die Schattenlichter waren in der auf sechs Stunden angesetzten Aufführung von „Galileo Galilei“ im Berliner Ensemble, die vor ein paar Tagen ihre Premiere hatte.

Was tun, wenn man von Frank Castorf so erschlagen ist, dass man sich zum Tippschreiben nicht mehr in der Lage sieht? Ich bitte die mit mir Geflüchteten, mir je eine Sache zu nennen, die ihnen gefallen hat. Wer keine großen Ziele erreichen kann, setzt sich eben kleine.

Schattenlicht Nr. 1 lobt das auf einer Drehbühne aufgebaute Bühnenbild, das Blicke in Galileis Forscherstätte und in andere Räume erlaubt. Nr. 2 ist speziell von Galileis Fernrohr angetan, das größer ist als in der Sternwarte auf dem Insulaner. Man kann es hoch- und runterkurbeln, und besonders motivierte Wissenschaftler klettern sogar hinein, um den Sternen noch näher zu kommen. Nr. 3 bewundert die Schauspielkünste und das Durchhaltevermögen des Hauptdarstellers: Der 86-jährige Jürgen Holtz lasst uns live am Denkprozess des Galilei teilhaben und steckt mit seiner Begeisterung für Wissenschaft und Wahrheit nicht nur seinen ebenfalls gut gespielten Schüler Andrea an, sondern auch das Publikum.

Nun drei Dinge, die uns nicht so gut gefallen haben:
Nr. 1: Der Einsatz von Live-Filmen im Theater kann belebend sein, hat aber bei dieser Inszenierung ein Ausmaß angenommen, das auf uns maßlos wirkt: Da dauert eine einzige Szene gerne mal 30 Minuten – die ganze Zeit mit schwankendem Bild, monotonen Hintergrundgeräuschen und gruseligen Nahaufnahmen.
Nr. 2: So maßlos wie die Filmszenen ist in dieser Inszenierung so ziemlich alles – es gibt immer wieder originelle Ideen, die fünf Minuten lang toll wären, aber endlos ausgewalzt werden.
Nr. 3: Oft schaut man nur auf eine Wand statt direkt auf die Schauspieler. Auch das wäre als Stilmittel mal ganz nett, aber nichts über 50 Prozent des Stücks.

Vielleicht hat Castorf ja in den letzten beiden Stunden noch das Steuer herumgerissen. Wir werden es uns vom tapfersten Schattenlicht berichten lassen!

www.berliner-ensemble.de

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„Die Lage ist ernst, sehr ernst!“

Erst vor zehn Tagen waren mehrere Schattenlichter im GRIPS Theater zur „Linie 1“. Schon gestern kehrten sie in das Theater am Hansaplatz zurück – zur öffentlichen Generalprobe von „Cheer Out Loud!

Es gibt gleich zwei gute Nachrichten! Die erste: Das Stück ist von Anfang bis Ende super. Und die zweite: Für die Vorstellungen am kommenden Freitag und Samstag, 18. und 19. Januar, gibt es noch Karten.

Verglichen mit den üblichen Generalproben der Schattenlichter verlief die gestrige im GRIPS vorbildlich: Nur ein einziges Mal war die Souffleuse zu hören, und ein Mal rief der Regisseur einen Kommentar in Richtung Bühne. Alles andere wirkte auf den Zuschauer perfekt. Da sollte bei der morgigen Premiere alles flutschen. Die Premiere wird zugleich auch die Uraufführung des Stücks von Susanne Lipp sein, das das GRIPS mit Regisseur Robert Neumann für sich adaptiert hat.

Worum geht’s? Im Zentrum der Handlung steht ein Berliner Sportverein – GRIPS-Handlung ist in der Regel lokal geprägt -, wie ihn jeder Berliner kennt – sei es in echt oder in seiner Vorurteilswelt. So ein Sportverein hat betagte Hallenwarte, die sich stark berlinernd über den Dreck der Sportler aufregen, ältliche und altmodische Vorstände mit schlimmen Brillen, strähnigen Haaren und sozialem Charakter sowie dynamische Emporkömmlinge, die den Verein zur Profilierung nutzen. All diese Typen hat das GRIPS so gut beobachtet, dass man am liebsten ständig Szenenapplaus spenden würde.

Was auch fast jeder Berliner Sportverein hat, sind Geldsorgen. Diese bringen auf der GRIPS-Bühne den gerade abgestiegenen Basketballverein dazu, sein eigentlich erfolgreiches und durchaus ansehnliches Cheerleader-Team aufzulösen. Für die Cheerleaderinnen und Cheerleader bricht die Welt zusammen, und der Vorstand ist wie gelähmt und kann immer nur lamentieren: „Die Lage ist ernst, sehr ernst!“

Da kommt einer der Cheerleaderinnen die rettende Idee: Der größte Fan des Teams, Leonie, soll in die Cheerleadergruppe aufgenommen werden. Denn dann würde es plötzlich Fördergelder hageln, weil Leonie das Down-Syndrom hat. Der Vorstand greift die Idee auf und macht ein paar – saukomische und politisch nicht korrekte – Imagefilme. Und schon sind die ersten Sponsoren da, spenden eine Rampe und rücken die ersehnte Finanzspritze rüber! Aber der Verein hat nicht mit der Trainerin und den ambitionierten Cheerleaderinnen und Cheerleadern gerechnet, die es „behindert“ finden, mit Behinderten trainieren und auftreten zu sollen. Mehr sollte nicht verraten werden …

Die Inszenierung ist mit 90 Minuten ohne Pause sehr kurzweilig gelungen – und sehr modern, mit Bühne in der Bühne, Live-Videoübertragungen und Beatboxing. Alle Achtung auch vor dem Körpergefühl mehrerer Ensemblemitglieder, die das „Rumgehopse mit bunten Puscheln“ so ambitioniert darstellen, dass so manchem der Schweiß ausbricht.

Die Schattenlichter sagen „Toi toi toi“ für die Premiere und wünschen dem Verein – ach nein, dem Stück – eine lange Lebensdauer! Wir würden uns freuen, die Neuentdeckungen des Ensembles auch in weiteren Stücken wiederzusehen.

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747.600 Menschen können nicht irren

Das GRIPS-Erfolgsmusical „Linie 1“ kann man nicht oft genug sehen – das denke anscheinend nicht nur ich, sondern auch viele andere Menschen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass heute schon die 1.869. Vorführung im GRIPS Theater am Hansaplatz gezeigt wurde? Gehen wir von einem immer ausverkauften Haus aus – denn leere Plätze habe ich bei diesem Stück noch nicht gesehen -, haben bereits 747.600 Menschen das Berlin-Musical von Volker Ludwig und Birger Heymann gesehen.

„Linie 1“ ist für mich der perfekte Auftakt eines Theaterjahres: Ein schwungvolles Ensemble mit immer wieder neuen Ideen und rasanten Kostümwechseln, eine historische Berlin-Thematik, witzige Choreografien zur Ohrwurm-Musik, eine tolle Band und ein wandlungsfähiges, authentisch wirkendes U-Bahn-Bühnenbild – da bleiben keine Wünsche offen. Heute war schön zu beobachten, wie gut die Urgesteine der „Linie 1“ – allen voran der 78-jährige Dietrich Lehmann (Respekt!) – mit den Neuzugängen des Ensembles zusammenspielen und „Berlin-Klassiker“ von 1986 immer wieder neuen Schwung verleihen.

„Wem würden Sie das Stück weiterempfehlen?“ fragte das GRIPS Theater im Anschluss an die Vorstellung mit einem Fragebogen. Meine Antwort: „Allen meinen Freunden – und jedem, der gerne ins Theater geht!“

Die morgige Vorführung ist ausverkauft, aber für den 1., 2. und 3. Februar gibt es noch Karten. Ich habe gerade gezählt: Noch 27-mal wird „Linie 1“ in dieser Spielzeit zu sehen sein. Die 1.900 wird also erst im Herbst erreicht, wenn das GRIPS auch sein 50-jähriges Bestehen gefeiert hat. Dies geschieht offenbar nicht mit einer Einzelveranstaltung, sondern mit einer gesamten Jubiläumsspielzeit. Umso besser – dann haben alle was davon!


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Viele Fragen und ein 300. Geburtstag

Die Schattenlichter wollten etwas für ihre Theatergrundbildung tun und kauften Karten für die zwei wohl bekanntesten Stücke von Bertolt Brecht: „Die Dreigroschenoper“ und „Galileo Galilei“ – für Ende Dezember und Ende Januar im Brecht-Stammhaus, dem Berliner Ensemble.

Teil 1 der Bildungsreise, zufällig genau die 300. Vorstellung der „Dreigroschenoper“, stellte die Schattenlichter vor mehrere Rätsel:

Warum ist dieses farbenprächtige Stück mit seinen schillernden Bordellen, rauschenden Partys und phantasievollen Bettlerkostümen komplett in Schwarzweiß dargestellt, bis hin zum schwarzweißen Bühnenbild samt entsprechender Beleuchtung, die entweder helle, überblendete Flecken zeigt oder alle Mimik im Dunklen ersäuft?

Warum muss jeder Satz überzeichnet gesprochen werden, und was bringt es, keine einzige natürliche Bewegung zuzulassen? Ist das eine neue Interpretation des Brechtschen Verfremdungseffekts?

Und ist es nicht ein Sakrileg, die mitreißenden Kurt-Weill-Lieder in einem Sprechgesang oder in piepsiger Übersteuerung zum Besten zu geben, den Rhythmus immer wieder zu durchbrechen und ans Ende fast jeden Liedes ein Comicgeräusch zu setzen? Überhaupt die Geräusche: Wen sollte es amüsieren, dass Geräusche wie Schritte, Trinken und Schlucken in großer Lautstärke eingespielt wurden? Zumindest bei uns im zweiten Rang lachte niemand, sondern alle erwarteten ermattet nach 125 Minuten die Pause und nach weiteren 40 Minuten den erlösenden Schluss.

Doch dann wurde es zu unserer Überraschung auf einmal farbenfroh: Goldenes Konfetti flog durch die Luft, und eine goldene Jubiläums-300 drehte sich vor dem knallroten Schlussvorhang. Das bis dahin apathisch wirkende Publikum erwachte und klatschte sogar eine Zugabe heraus.

Wenn sich die Schattenlichter auf ein Lob einigen konnten, dann darauf, dass die Schauspieler und Musiker das Überziehen mit großer Konsequenz durchgehalten haben. Handwerklich war das sehr gut, nur den Sinn der Inszenierung haben wir nicht verstanden. Was Brecht wohl dazu sagen würde? „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“?

Als Theater-Tipp verweisen wir auf unseren zweiten Brecht-Versuch im Berliner Ensemble: „Galileo Galilei“ am 27. Januar 2019.

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Weihnachts-Theatergutschein gesucht?

Theater-Tipp für Dezember (2/3)

Wer noch schnell einen Weihnachtsgutschein basteln und einen heiteren Theaterbesuch verschenken möchte, dem empfehlen fünf Schattenlichter die neuste Inszenierung des Schlosspark-Theaters: „Monsieur Claude und seine Töchter„.

Wieder einmal geht das Konzept auf, aus einem erfolgreichen Kinofilm ein erfolgreiches Theaterstück zu machen. Auch wenn sämtliche Berliner im Vorweihnachtsstress sind, war im Schlosspark-Theater am 22. Dezember fast jeder Platz besetzt. Noch ist die Erinnerung an den lustigen Film von 2014 mit Christian Clavier in der Hauptrolle frisch, und man hat Lust, sich auch auf der Bühne anzusehen, was auf der Leinwand lustig war.

Film und Stück handeln von einem konservativen französischen Ehepaar aus der Provinz, dessen allesamt in Paris lebenden Töchter die Wertewelt der Eltern auf den Kopf stellen, indem sie anstatt „anständiger katholischer Franzosen“ einen Juden, einen Muslim und einen Chinesen heiraten. Auf die vierte, noch ledige Tochter fokussiert sich alle elterliche Hoffnung, doch noch einen echten französischen Katholiken zu einer schönen kirchlichen Trauung in der Provinz zu bewegen. Als sich ein Verlobter mit dem gutbürgerlichen Namen Charles ankündigt – hach, wie Charles de Gaulle -, der noch dazu aus einer strenggläubigen katholischen Familie stammt, scheint die Welt des Monsieur Claude wieder in Ordnung – bis er und seine Frau dem Auserwählten endlich gegenüberstehen …

Film und Stück sind gleichermaßen kurzweilig und lustig. Sie verhandeln jede Menge Klischees und zeigen, dass die, über die ein Klischee existiert, auch selbst in Klischees denken. Jung und Alt nehmen sich da in der Handlung nicht viel. Das Ganze wird zwar im Schlosspark-Theater nicht tiefgründig verhandelt, aber da dies auch im Film nicht der Fall ist, werden keine Erwartungen enttäuscht. Das tut der Sache keinen Abbruch: Man kann sich schließlich auch ohne erhobene Zeigefinger zum Nachdenken anregen lassen.

Ein Film kann ja problemlos von einem Ort zum anderen springen. Für ein Bühnenstück ist das schwieriger. Das Schlosspark-Theater löst die Problematik genial mit ein paar Stühlen, mehreren bunten Vorhängen und einer Drehbühne. Bemerkenswert ist das fürs Schlosspark-Theater ungewöhnlich große Ensemble: Da alle Töchter, Schwiegersöhne und Eltern in der Regel gleichzeitig auf der Bühne stehen und sich auch manche Nebenrollen nicht gut für Doppelrollen eignen, stehen 13 Personen auf der Bühne. Das bringt eine Vielfalt mit sich, die zum Charakter des Stücks hervorragend passt. Die Rollen der Madame und des Monsieur Claude spielen Brigitte Grothum und Peter Bause.

Das französische Filmoriginal hat übrigens einen sehr viel einfallsreicheren namen als die deutsche Übersetzung – nicht etwa „Monsieur Claude et ses filles“, sondern „Qu’est-ce qu’on a fait au bon dieu?“. Genau das ruft Madame verzweifelt aus, nachdem sie ihren vierten Schwiegersohn zum ersten mal gesehen hat: „Was haben wir dem lieben Gott nur getan?“

Für Eure Gutscheine: Es gibt wieder zahlreiche Vorführungen ab Mitte Januar, außerdem im Februar und im April 2019. Viel Spaß!

 

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