Kunstleben Berlin Kolumne: Extrawurst – ein Theaterstück der „Schattenlichter“

Kunstleben Berlin Kolumne: Extrawurst – ein Theaterstück der „Schattenlichter“

Aus: www.kunstleben-berlin.de (16.1.2023)
Autorin: Jeannette Hagen

Wie wollen wir zusammenleben? Die Frage stellt sich aktuell auf vielen Ebenen und da passt es wunderbar, dass die Theaterinitiative „Schattenlichter“, die 1985 in der Paulus-Gemeinde in Zehlendorf gegründet wurde, mit ihrem aktuellen Stück „Extrawurst“ den Finger in die Wunde der vielen kleinen und großen Befindlichkeiten legt, die uns alle so umtreiben.

„Extrawurst“ ist dabei wörtlich zu nehmen, denn in dem Stück dreht sich alles darum, ob ein Zehlendorfer Tennisverein für den einzigen Muslim in der Runde einen zweiten Grill anschafft, da gläubige Muslime ihre Grillwurst bekanntlich nicht auf einen Rost legen dürfen, auf dem auch Schweinefleisch gegrillt wird. Was nach einer Sache aussieht, die man eigentlich schnell abhaken könnte, wird bei der Mitgliederversammlung zur Zerreißprobe für den Verein. Allen wird schnell klar, dass es um deutlich mehr als um einen Grill geht. Plötzlich verschwimmen Grenzen, wird Unsagbares gesagt, prallen Meinungen, Haltungen, Religionen und Überzeugungen aufeinander. Das Publikum ist mittendrin und kann selbst entscheiden, wo es steht.

Geschrieben haben die Komödie die Comedy-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, die unter anderem an der Fernsehserie „Stromberg“ mitwirkten.

Da nicht nur das Stück, sondern auch die Geschichte rund um die Theaterinitiative „Schattenlichter“ neugierig auf mehr machen, habe ich Elke Brumm, die nicht nur am längsten bei den Schattenlichtern dabei ist, sondern im aktuellen Stück auch eine Hauptrolle spielt, ein paar Fragen gestellt:

Was war die ursprüngliche Intention, diese Theaterinitiative zu gründen, und hat die sich über die Jahre verändert?

Die Theatergruppe wurde 1985 vom damaligen Pfarrer der Paulus-Gemeinde mit Konfirmanden gegründet, damit im Weihnachtsgottesdienst ein Krippenspiel aufgeführt werden konnte. Ich kam 1986 dazu. Wir spielten mehrere kurze Stücke im Rahmen von Gottesdiensten und Gemeindefeiern – darunter auch Schattenspiele, weshalb wir uns 1986 den Namen „Schattenlichter“ gaben. 1988 hatten wir Lust, mal etwas Abendfüllendes zu spielen. Seither habe ich die Organisation des Ganzen inne. Inzwischen haben wir 41 Stücke auf die Bühne gebracht. Meist spielen wir Ende Februar und zeigen drei Aufführungen.

Die Intention ist seit 1988 gleich: Wir haben Lust, uns mit einem Stücktext zu beschäftigen und diesen dann mit Spaß für uns und fürs Publikum auf die Bühne zu bringen. Das Ergebnis soll nicht kommerziell, sondern für jedermann zugänglich sein; daher kostet der Eintritt nur fünf Euro. Und damit es ein kurzweiliges Hobby bleibt, spielen wir nur dreimal, obwohl der Andrang immer so groß ist, dass wir das Haus auch öfter vollkriegen würden.

Ihr Ensemble scheint ein Händchen für passende Themen und die Überschneidung mit großen Ereignissen zu haben. Wie erklären Sie sich das? (Anmerkung: Auf der Webseite erfährt man einiges an Skurrilem.)

Das stimmt: Mal fiel eine Premiere auf den Tag der Maueröffnung, mal spielten wir an dem Tag, an dem Deutschland Fußballweltmeister wurde. Zweimal sind die Autoren leider gestorben, während wir ihre Stücke einübten, und mehrfach wurden die Inhalte wieder aktuell, während wir probten. Als Erklärung kann ich nur anbieten, dass in 38 Jahren Gruppengeschichte eben so einiges passieren kann und dass das Leben voller Überraschungen ist.

Wie wählen Sie die Stücke aus? 

Nach jeder Aufführungsreihe lassen wir ein paar Wochen verstreichen; dann machen wir eine Bestandsaufnahme, wer Lust und Zeit hat, weiterzuspielen. Für genau diese Personenzahl wird dann ein geeignetes Stück gesucht, damit alle weitermachen können. Zudem müssen die Stücke zu unserer Bühne passen, uns inhaltlich ansprechen und nicht zu lang sein. Und wenn es so ein Stück nicht gibt, wird eins entsprechend umgearbeitet. Entschieden wird per Abstimmung. Auch die Rollen werden gemeinschaftlich vergeben. Im Übrigen haben wir ja keinen Regisseur, sondern wer immer in einer Probe gerade nicht auf der Bühne ist, gibt Verbesserungsvorschläge und Ideen zum Bühnengeschehen ab. So sind alle Gruppenmitglieder gleich wichtig und haben immer was zu tun.

Kommt die Initiative komplett ohne Förderung aus? Wie funktioniert das? Und ist das ein Modell, dass mehr Schule machen sollte?

Es handelt sich um ein reines Hobby; also muss niemand von den Einnahmen seinen Lebensunterhalt bestreiten. Deshalb brauchen wir keine Förderungen. Als langjährige Gemeindegruppe zahlen wir keine Miete für unseren wunderbaren Theatersaal; wir sammeln an jedem Theaterabend Spenden, die wir der Gemeinde für die Heizkosten des Theatersaals zur Verfügung stellen. Da der Eintritt so preiswert ist, wird immer großzügig gespendet. Die Schattenlichter sind auch im Gemeindebeirat vertreten und arbeiten mit verschiedenen anderen Gemeindegruppen zusammen; beispielsweise leihen wir uns manche Requisiten und Kostüme aus dem sogenannten Trödel-Café, das jeden Freitag in der Paulus-Gemeinde stattfindet. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit der Gemeindezeitung „Paulus Blätter“ und mit dem Gemeindebüro. Wir fühlen uns in diesem Verbund sehr wohl. Ob das so einfach Schule machen kann für andere, ist schwer zu sagen, denn unsere Gemeindebeziehung ist über viele Jahre gewachsen. Das lässt sich nicht einfach nachmachen.

Auch das aktuelle Stück passt wie die Faust aufs Auge zum Tagesgeschehen (rassistische Ressentiments nach Silvester). Haben Sie denn den Anspruch, mit den Themen, die Sie auf die Bühne bringen, auch nachhaltig etwas zu bewirken? Und wenn ja, worum geht es den Schattenlichtern?

Vor allem in den vergangenen Jahren haben wir uns häufig für zeitgenössische Stücke mit aktueller Thematik entschieden, da die derzeitigen Gruppenmitglieder den Schwerpunkt gerne nicht nur auf Unterhaltung, sondern auch auf Mission setzt. Das gilt für „Frau Müller muss weg“, „Der Vorname“ und unser aktuelles Stück „Extrawurst“, aber auch für die selbstgeschriebenen Stücke „Barbara“ und „Die Mauer wird noch in 100 Jahren stehen“, mit denen wir deutsche oder Berliner Geschichte aufgegriffen haben. Einen Agatha-Christie-Krimi oder reinen Klamauk wie „Boeing Boeing“ zu spielen, macht auch viel Spaß, aber wenn das Stück eine Aussage hat, ist es noch befriedigender. Man merkt das auch an den Pausengesprächen im Publikum: Wenn da angeregt über das Stück diskutiert wird, wissen wir, wir haben wohl irgendwie alles richtig gemacht.

Haben Sie eine Lieblingsszene, die Sie uns verraten und die neugierig auf das Stück macht?

Am meisten machen mir die Szenen Spaß, in denen ich mich richtig doll verstellen muss. Ich darf in diesem Stück berlinern und allerlei politisch nicht Korrektes sagen, was von anderen Charakteren zum Glück prompt widerlegt wird. Solche Konflikte sind spannend – und oft müssen wir beim Proben lachen, weil es so absurd ist, was mein Charakter von sich gibt. Mein liebster Satz: „Es ist einfach Blödsinn, in unserem Tennisclub einen zweiten Grill für die Moslems aufzustellen. Wir stellen ja in eurer Moschee auch keine Ballmaschine auf!“

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Aufführungen finden von Donnerstag bis Samstag, 23. bis 25. Februar, um 19.30 Uhr (Samstag um 18 Uhr) im Paulus-Gemeindehaus, Teltower Damm 6, in Zehlendorf-Mitte statt.

Mehr über die Schattenlichter: http://schattenlichter.info/

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