Großes Theater zwischen 400 Getränkekästen

Großes Theater zwischen 400 Getränkekästen

Die Sommerpause läutete das GRIPS Theater am Hansaplatz heute Abend mit einem sehr dynamischen und mitreißenden Stück ein: „Das schönste Mädchen der Welt“.

Wem dieser Titel irgendwie bekannt vorkommt, der hat vermutlich 2018 den gleichnamigen Kinofilm gesehen, der eine moderne Version des „Cyrano de Bergérac“ ist. Der Cyrano – Ihr wisst schon, die Geschichte des schüchternen Mannes, der wegen seiner großen Nase gemobbt wird, aber sehr einfühlsam ist, wunderbare Liebesbriefe schreiben kann und einem weniger wortgewandten Freund Formulierungshilfe angedeihen lässt. Im Film wurde er von Gérard Depardieu dargestellt, dem Urgestein des französischen Kinos.

In der modernen Version geht das so: Die gutaussehende Roxy ist von ihrer alten Schule geflogen. In der neuen Klasse ist sie Gesprächsthema Nummer eins. Mit ihrer selbstbewussten Art verdreht sie allen den Kopf.

Auch der sensible Außenseiter Cyril – wer heißt schon heute Cyrano –, der wegen seiner großen Nase gemobbt wird, fühlt sich zu ihr hingezogen. Roxy aber zeigt Interesse am attraktiven Rick, der mit eigenen Unsicherheiten zu kämpfen hat. Zugleich versucht der coole Benno, sich an Roxy heranzumachen. Da Cyril verhindern will, dass sie auf den eitlen Klassenclown hereinfällt, verbündet er sich auf einer Klassenfahrt nach Berlin mit Rick.

Als sich etwas zwischen Roxy und Rick anbahnt, legt Cyril ihm die passenden Worte in den Mund. Denn als begnadeter Rap-Poet tritt er regelmäßig – versteckt hinter einer goldenen Maske – bei Rap-Battles auf und reißt das Publikum mit. Roxy begeistert er, hinter Rick verborgen, mit gefühlvollen und klugen Nachrichten. Denn natürlich drückt Cyril darin in Wahrheit seine eigenen Gefühle für sie aus. Wird es ihm gelingen, Roxys wachsende Zuneigung zu Rick auf sich umzulenken, oder endet alles im Desaster?

Einmal mehr beweist das GRIPS Theater, dass es noch viel mehr kann, als reines Sprechtheater zu sein. Wie hier gerappt und gekämpft wird, reißt das Publikum mit. Mein Sitznachbar hätte fast die Rückenlehne unserer Sitzbank demontiert, so sehr ging er in den Bühnenrhythmen auf!

Fasziniert war auch der Bühnenbildner der Schattenlichter: Das Bühnenbild im GRIPS bestand diesmal ausschließlich aus blauen Getränkekästen – vermutlich so an die 400 Stück. Extrem flexibel sind sie für eine Rückwand gut, aber auch für Betten in der Berliner Jugendherberge, für Sitzmöbel, Reisebusse und vieles mehr.

Ein großes Lob haben auch die Maskenbildnerinnen oder Maskenbildner des GRIPS Theaters verdient: Cyrils große Nase ist auffällig, aber nicht unglaubwürdig.

Als die Schauspielerinnen und Schauspieler in die Sommerpause gingen und die Theatergäste das Theater verließen, ging draußen im Tiergarten das Rappen weiter: Tausende feierten eine Neuauflage der Love Parade.

Wie das alte Theaterjahr endet, wird auch das neue beginnen: „Das schönste Mädchen der Welt“ steht gleich Ende August wieder auf dem Spielplan – am 25., 26. und 27. um 19:30 Uhr. Weitere Aufführungen folgen im Oktober und November. Karten gibt es unter www.grips-theater.de.

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Autor: Elke Brumm

Elke Brumm ist das dienstälteste Schattenlicht. Bei der allerersten Aufführung im Weihnachtsgottesdienst 1985 in der Pauluskirche war sie noch Zuschauerin, aber schon beim zweiten Stück war sie aktiv dabei - und ist es bis heute geblieben. Neben den spielerischen Aktivitäten ist Elke Brumm das organisatorische Rückgrat der Schattenlichter; die studierte Theaterwissenschaftlerin und Germanistin (FU Berlin) macht für die Schattenlichter auch die Pressearbeit und die Programmhefte. Seit 2015 schreibt sie ungefähr einmal monatlich einen Theater-Tipp für den Freundeskreis der Schattenlichter, denn da die Schattenlichter immer nur im Februar spielen, muss man schließlich auch im restlichen Jahr wissen, wo man kurzweilige und inspirierende Theaterabende verbringen kann.

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